Cécile Chaminade
Biografie
“I do not believe that the few women who have achieved greatness in creative work are the exception, but I think that life has been hard on women; it has not given them opportunity; it has not made them convincing… Woman has not been considered a working force in the world and the work that her sex and conditions impose on her has not been so adjusted as to give her a little fuller scope for the development of her best self. She has been handicapped, and only the few, through force of circumstances or inherent strength, have been able to get the better of that handicap. There is no sex in art. Genius is an independent quality.”
(Chaminade in einem Interview mit der Washington Post, November 1908)
Solch ein Zitat im frühen 20. Jahrhundert zu hören ist eher selten. Es stammt von der französischen Komponistin Cécile Chaminade. Sie entwickelte sich trotz diesem auch heute noch sehr männlich geprägten Beruf zu einer selbstbestimmten Frau, die unter anderem als erste Komponistin den französischen Ehrentitel Légion d’Honneur zugeteilt bekam.
Geboren im Jahr 1857 wuchs sie als eines von vier Kindern in einer wohlhabenden und musikalischen Familie in Paris auf. Früh schon wurde ihr musikalisches Talent entdeckt und gefördert, sodass sie im Alter von nur 10 Jahren Unterricht von Dozierenden des Pariser Konservatoriums bekam, darunter unter anderem Félix le Couppey (Klavier) und Benjamin Godard (Komposition). Da ihr Vater es aber für unschicklich hielt, ein Mädchen ihres sozialen Standes am Konservatorium ausbilden zu lassen, fand der Unterricht bei ihr zu Hause statt. Obwohl ihre musikalische Ausbildung dadurch den Standards des Konservatoriums entsprach, fehlten ihr durch den Hausunterricht die so wichtigen Kontakte zu anderen Studierenden und Musikschaffenden. Gerade diese Kontakte und die Zugehörigkeit zum sozialen Umfeld mancher Komponisten verschaffte komponierenden Frauen im 19. Jahrhundert einen entscheidenden Vorteil, da ihre Werke durch (meist männliche) Freunde öfter aufgeführt wurden und sie so an Bekanntheit gewinnen konnten.
Chaminade nutzte stattdessen die Pariser Salons, um ihre eigenen Klavierkompositionen und Lieder vorzustellen und sich einen Namen in der Pariser Szene zu machen. Die Salons boten zu dieser Zeit einen Raum, in dem Frauen und Männer gleichermaßen als würdige Musikschaffende angesehen wurden. Ihr offizielles Debüt als Pianistin gab sie im Alter von 18 Jahren in der Salle Pleyel in einem Klaviertrio von Charles-Marie Widor.
Da sie zunehmend an größeren Werken arbeitete und die Salons als Bühne für solche zu klein wurden, beschloss sie, auf Konzertreisen zu gehen – ein Schritt, den nur wenige Musikerinnen oder Komponistinnen dieser Zeit wagten. Doch ihre Musik kam an, sie wurde unterstützt und es folgten weitere Tourneen durch Europa.
Cécile Chaminade wurde nie finanziell durch Sponsor*innen, Adelige oder Mäzen*innen unterstützt und verdiente ihren Lebensunterhalt allein durch das auf Konzerten erspielte und durch den Verkauf von Noten eingenommene Geld. Mit dem Tod ihres Vaters im Jahr 1887 mussten ihre Werke nun maßgeblich zum Einkommen der Familie beitragen, daher änderte sich ihre kompositorische Richtung daher. Von da an entstanden deshalb fast ausschließlich Lieder und kleinere Klavierkompositionen, da sich diese besser verkaufen ließen. Ihre Zielgruppe zu dieser Zeit waren vor allem Amateurmusiker*innen und Hausfrauen – größtenteils in den USA –, die Chaminades Kompositionen mit großer Begeisterung kauften und spielten. Die von ihr so geliebte Arbeit an größeren Kompositionen für Orchester musste sie aus finanziellen Gründen also aufgeben. Trotz der Rückkehr zu den in der damaligen Zeit als “weiblich” betitelten Genres, ging Chaminade weiterhin auf Konzertreisen in ganz Europa und behielt auch die ihr entgegengebrachte Anerkennung bei.
Im Jahr 1901 heiratete sie den französischen Musikverleger Louis-Mathieu Carbonel. Um Chaminades Erfolg nicht im Wege zu stehen, war diese Ehe strikten Regeln unterworfen: Sie lebten getrennt voneinander und sahen sich nur selten. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1907 heiratete sie nicht erneut und blieb ebenso kinderlos.
Nur ein Jahr darauf startete Chaminade eine ihrer größten Tourneen – diesmal in den USA. Vor allem dort war sie äußerst beliebt: Neben ihren begehrten Konzerten, u. a. in der Carnegie Hall in New York, gab sie zahlreiche Interviews und ihr zu Ehren wurden sogar einige Amateurmusik-Clubs nach ihr benannt. Ebenso beliebt war Chaminades Musik in England, ganz besonders bei Queen Victoria, die sich für ihre Beerdigung das Prélude für Orgel op.78 von Chaminade wünschte.
In den Jahren nach 1911 komponierte Cécile Chaminade zwar stets weiter, geriet aber zunehmend in Vergessenheit, da ihre Musik nun im Vergleich zu der von moderneren Komponist*innen wie zum Beispiel Maurice Ravel zu altmodisch und traditionell wirkte und dadurch an Faszination verlor. Trotzdem blieb sie ihren Mélodies mit ihren schönen, einprägsamen Themen und den klaren, traditionellen Formen sowie Harmoniefolgen treu.
“Today there is a new style in music, and it is very easy to forget those artists whom one had respected and acknowledged in the past.”
(Cécile Chaminade im Jahr 1927)
Die letzten Jahre ihres Lebens waren durch gesundheitliche Probleme beschattet, die unter anderem dazu führten, dass ihr im Jahr 1938 der linke Fuß amputiert werden musste. Auch ihre dadurch eingeschränkte Mobilität wird Grund dafür gewesen sein, dass Chaminade sich oft einsam fühlte, wie sie in einem Brief an ihren amerikanischen Freund Irving Schwerké im Jahr 1942 schrieb. Cécile Chaminade starb am 13.04.1944 in Monte Carlo.
“Not to be forgotten, to live in the heart and memory of those who understand you, that is the supreme consolation for an Artist.”
(Cécile Chaminade zwei Jahre vor ihrem Tod in einem Brief an Irving Schwerké, 1942)
Anne Diepenbrock, März 2026
Hörempfehlungen
Callirhoë, Suite d’orchestre: IV. Pas des cymbales
Mignonne
Arabesque
Literatur
Skye Kathleen Worster: Cécile Chaminade – imaginative genius, ephemeral star, Johannesburg 2020.
Herbert Schneider: „Cécile Chaminade“, in: MGG Online, Laurenz Lütteken (Hg.), New York (u. a.): 2016, abrufbar unter: https://www.mgg-online.com/articles/mgg02699/1.0/id-ce690262-4c60-2ce9-1f92-089285d0feab (zuletzt aufgerufen am 08. März 2026).
Rebecca Berg: „Cécile Chaminade“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, 24. April 2018, abrufbar unter: https://mugi.hfmt-hamburg.de/receive/mugi_person_00000142 (zuletzt aufgerufen am 08. März 2026).




