FLorence Price
Biografie
Im Jahr 2009 stießen neue Eigentümer bei Renovierungsarbeiten in einem verfallenen Sommerhaus in St. Anne, Illinois, auf einen umfangreichen Bestand an Partituren, Briefen und persönlichen Papieren. Ein Name tauchte immer wieder auf: Florence Price. Ein Großteil von Price’ Musik war bis dahin in Manuskripten verborgen, sodass dieser Fund als Ausgangspunkt der größeren Wiederentdeckung ihrer Werke gilt.
„To begin with I have two handicaps – those of sex and race. I am a woman; and I have some Negro blood in my veins.“*
(Florence Price in einem Brief an den Dirigenten Serge Koussevitzky im Jahr 1943)
Dieser kurze Satz, mit dem Florence Price im Jahr 1943 einen Brief an den Dirigenten Serge Koussevitzky einleitete, fasst kurz zusammen, was ihre Karriere entscheidend prägte: Als komponierende Frau mit afroamerikanischen Wurzeln erkämpfte Price sich künstlerische Anerkennung in einem Umfeld, das ständig von Vorurteilen und institutionellem Rassismus geprägt war. Sie bat darum, ihre Musik trotz der ihr auferlegten Barrieren von „sex and race“ anzuhören und ganz nach ihrem musikalischen Wert zu beurteilen.
Florence Price wurde am 9. April 1887 in Little Rock, Arkansas, geboren und wuchs in einer musikalisch gebildeten Familie auf. Ihre formale Ausbildung begann 1903 am New England Conservatory, wo sie Klavier, Orgel und Komposition studierte und 1906 mit Diplomen abschloss. Nach frühen Lehrtätigkeiten in Arkansas und einer Zeit als Leiterin der Musikabteilung an der Universität von Atlanta setzte sie ihre Ausbildung und musikalische Entwicklung in Chicago fort.
In den 1920er- und 1930er-Jahren entwickelte Price ein reichhaltiges kompositorisches Œuvre: Sinfonien, Konzertstücke, Kammermusik, Klavierwerke, Chor- und Vokalarbeiten sowie Bearbeitungen von Spirituals. Ein Durchbruch brachte im Jahr 1932 der Gewinn bei der Rodeman Wanamaker Composition Competition for Composers of the Negro Race*, einem Wettbewerb, bei dem sie unter anderem mit ihrer ersten Sinfonie in e-Moll erfolgreich war. Im Jahr darauf wurde diese Sinfonie im Rahmen der Weltausstellung „Century of Progress“ vom Chicago Symphony Orchestra unter Frederick Stock uraufgeführt. Damit wurde Price zur ersten afroamerikanischen Komponistin, deren Werk von einem großen US-Orchester gespielt wurde.
Stilistisch verband Price zunächst vor allem ausgeprägte postromantische Klangfarben mit afroamerikanischer Volksmusik und Spirituals. Um 1938/40 vollzog sich eine erkennbare Zäsur in ihrer musikalischen Handschrift, die um immer mehr moderne Elemente ergänzt wurde.
Wesentlich für Price’ Karriere war das dichte Netzwerk Schwarzer Musikerinnen, Salonhosterinnen und Organisatorinnen in Chicago, das sowohl künstlerische als auch ganz praktische Grundlagen bildete. Einen zentralen Treffpunkt dieses Netzwerkes bot das Haus von Estelle C. Bonds. Hier unterrichtete Price unter anderem ihre Tochter, die junge Margaret Bonds, und Kolleginnen halfen beim Abschreiben, Korrigieren und Fertigstellen von Partituren – alltägliche, oft nächtliche Arbeit. Price war ein integraler Teil des städtischen Aufschwungs afroamerikanischer Musikkultur und engagierte sich in Organisationen, die Aufführungs- und Publikationswege schufen.
Verlage zögerten, Werke einer Schwarzer Komponistin zu verlegen, weshalb sich Price’ Kompositionen häufig als handschriftliche Manuskripte verbreiteten. Trotz dieser Zurückhaltung seitens der Verlage wurde ihre Musik vielfach aufgeführt und von führenden Interpret*innen ihrer Zeit unterstützt; Aufführungen und Rundfunkübertragungen trugen wesentlich zu ihrer Bekanntheit bei. Heute gilt ihr Werk als Meilenstein der afroamerikanischen Musikgeschichte und erlebt anhaltend wachsende Beachtung in Forschung, Aufführungspraxis und Publikationen.
*Dies ist ein wörtliches Zitat von Florence Price. Sie sprach aus der Perspektive einer Afroamerikanerin. Wir als Projektgruppe distanzieren uns von dem Konzept Rasse. Unsere Position in diesem Diskurs: die Nennung des N-Wortes ist rassistisch. Jedoch wollen wir Florence Price’ Wortwahl, mit der sie sich selbst ermächtigte, ihre Diskriminierungserfahrung zu benennen, nicht bewerten. Wir zitieren sie, um die Hürden, mit denen sie konfrontiert wurde, herauszustellen und nicht zu beschönigen.
Johanna Huck, März 2026
Hörempfehlungen
Symphony No. 1 in E Minor: III. Juba Dance. Allegro
Five Folksongs in Counterpoint
Songs to the Dark Virgin
Literatur
Alex Ross: “The Rediscovery of Florence Price. How an African-American composer’s works were saved from destruction”, in: The New Yorker, 29.01.2018, Druckausgabe vom 05.02.2018 mit dem Titel “New World”, abrufbar unter: https://www.newyorker.com/magazine/2018/02/05/the-rediscovery-of-florence-price, zuletzt aufgerufen am 19.09.2025.
John Michael Cooper: “Price, Florence”, in: MGG Online, Laurenz Lütteken (Hg.), New York (u.a.) 2023, abrufbar unter: https://www.mgg-online.com/articles/mgg20274/2.0/mgg20274?q=florence+price, zuletzt aufgerufen am 19.09.2025.
Samantha Ege: “Florence Price and the Politics of Her Existence”, in: The Kapralova Society Journal – A Journal of Women in Music 16 (2018), 1–10.
Samantha Ege: “Composing a Symphonist: Florence Price and the Hand of Black”, in: Women and Music: A Journal of Gender and Culture 24 (2020), 7–27.




